Viele Pferde wirken im Herbst plötzlich müde oder weniger leistungsbereit, sind vom Fellwechsel belastet oder bauen Muskulatur ab. Der Grund liegt oft nicht nur im Fellwechsel selbst, sondern darin, dass der Stoffwechsel des Pferdes im Herbst generell stark gefordert ist.
Sinkende Temperaturen, kürzere Tage und wechselhaftes Wetter fordern den Organismus zusätzlich. Gleichzeitig verändert sich das Futterangebot auf der Weide, während der Körper innerhalb weniger Wochen ein dichtes Winterfell aufbauen muss.
Mit der richtigen Fütterung können wir unsere Pferde in dieser Übergangszeit gezielt unterstützen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Aminosäuren, die Bausteine von Proteinen, die unter anderem für Fellwachstum, Muskulatur und viele Prozesse im Immunsystem benötigt werden.
Stand 10.03.2026 • Autor: Ralf Stüber
Der Fellwechsel beim Pferd belastet den Stoffwechsel stark
Der Fellwechsel ist mehr als nur ein äußerlich sichtbarer Vorgang. Tatsächlich beginnt der Prozess bereits mehrere Wochen bevor das alte Fell sichtbar ausfällt.
Sinkende Tageslichtlängen und (kalte) Temperaturreize signalisieren dem Körper, dass ein neues Fell aufgebaut werden muss. Zunächst wachsen längere Deckhaare, gleichzeitig bildet sich ein dichtes Unterhaar, das später für die Isolation gegen Kälte sorgt.
Zwischen den Wachstumsphasen kommt es zu kurzen Ruhephasen, bevor das Haarwachstum weitergeht und das neue Fell das alte Sommerfell nach und nach herausdrückt.
Die Neubildung dieses Fells ist für den Organismus eine intensive Stoffwechselleistung. Jedes einzelne Haar besteht größtenteils aus Keratin - ein stabiles Strukturprotein.
Während des Fellwechsels müssen daher in kurzer Zeit große Mengen dieser Strukturproteine gebildet werden, für deren Bildung der Körper ausreichend Aminosäuren benötigt.
Besonders ältere Pferde, Sportpferde, Zuchtstuten oder Pferde mit Stoffwechselproblemen reagieren in dieser Zeit häufig empfindlicher.
Wie der Fellwechsel im Detail funktioniert, beleuchten wir in unserem ausführlichen Beitrag zum “Fellwechsel beim Pferd”.

Warum Pferde im Herbst einen höheren Nährstoffbedarf haben
Neben dem Fellwechsel verändern sich im Herbst auch weitere Rahmenbedingungen, die den Stoffwechsel des Pferdes beeinflussen.
Sinkende Temperaturen erhöhen den Energiebedarf, da der Körper mehr Wärme produzieren muss, um die Körpertemperatur stabil zu halten. Besonders wenn die Temperaturen unter die thermoneutrale Zone des Pferdes fallen, steigt der Energieverbrauch für die Wärmeregulation.
Auch Feuchtigkeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Regen, Nebel oder dauerhaft feuchte Witterung können die isolierende Wirkung des Fells reduzieren. Wird das Fell nass, verliert es einen Teil seiner isolierenden Luftschicht, sodass der Körper zusätzlich Energie aufbringen muss, um Wärme zu erzeugen.
Hinzu kommen häufige Wetterwechsel mit kalten Nächten und milderen Tagen. Diese Temperaturschwankungen fordern die Regulation des Organismus, da sich Stoffwechsel und Kreislauf immer wieder anpassen müssen.
Exkurs: Die thermoneutrale Zone beim Pferd
Die thermoneutrale Zone beschreibt den Temperaturbereich, in dem ein Pferd seine Körpertemperatur ohne zusätzlichen Energieaufwand stabil halten kann.
Bei gesunden, ausgewachsenen Pferden liegt dieser Bereich - abhängig von Fell, Kondition und Haltungsform - ungefähr zwischen 5 und 25 °C.
Sinken die Temperaturen unter diesen Bereich, wie es im Herbst bereits oft der Fall ist, muss der Organismus zusätzliche Wärme produzieren. Dafür steigt der Energieverbrauch des Stoffwechsels.
Besonders bei nassem Fell oder starkem Wind kann der Wärmeverlust deutlich zunehmen.
Ein Teil der Wärme entsteht dabei im Verdauungstrakt: Bei der mikrobiellen Fermentation von Rohfaser im Dickdarm wird Energie frei, wobei auch Wärme entsteht. Eine ausreichende Aufnahme von Raufutter trägt deshalb indirekt zur Thermoregulation bei.

Futterumstellung im Herbst: Von Weidegras zu Heu
Im Herbst endet für viele Pferde die Weidesaison. Frisches Gras wird zunehmend durch Heu ersetzt, wodurch sich die Zusammensetzung der Fütterung deutlich verändert.
Während Weidegras im Sommer eine wichtige Quelle für Protein und Aminosäuren darstellt, sinkt dieser Gehalt im Herbst häufig. Das Gras wächst langsamer und gleichzeitig steigt bei typischem Herbstwetter, also kalte Nächte und sonnige Tage, oft der Fruktangehalt im Gras. Besonders auf bereits abgefressenen Weiden kann dies das Risiko für Stoffwechselprobleme und Hufrehe erhöhen.
In vielen Betrieben wird der Weidegang deshalb reduziert oder ganz beendet. Heu wird dann zur wichtigsten Futterquelle im Herbst.
Heu liefert jedoch häufig geringere Mengen an leicht verfügbaren Aminosäuren als frisches Weidegras. Besonders spät geschnittenes, gewässertes oder bedampftes Heu kann einen niedrigeren Proteingehalt aufweisen.
Jede Veränderung der Fütterung bedeutet außerdem eine Anpassungsleistung für die Darmflora. Die Mikroorganismen im Verdauungstrakt müssen sich erst an die veränderte Zusammensetzung der Ration anpassen - zum Beispiel an den höheren Rohfaseranteil im Heu im Vergleich zu Gras.
So wie Pferde im Frühjahr langsam angegrast werden, sollte auch die Umstellung auf eine vermehrte Heufütterung schrittweise erfolgen.
Das Immunsystem beim Pferd im Herbst unterstützen
Das wechselhafte Herbstwetter mit seinen abrupten Temperaturschwankungen und feuchten Bedingungen fordert das Immunsystem der Pferde schon allein heraus. Und dann kommen auch noch der Fellwechsel und die Futterumstellung dazu. Obwohl das Immunsystem nicht ausschließlich aus Aminosäuren besteht, spielen diese eine essenzielle Rolle in dessen Unterstützung.
Aminosäuren sind notwendig für die Synthese von Proteinen, die in der Immunantwort involviert sind, wie zum Beispiel Antikörper und Enzyme. Aminosäuren wie Lysin, Methionin und Threonin unterstützen die Produktion von Immunzellen.
Eine ausreichende Versorgung mit diesen Aminosäuren, kombiniert mit Vitaminen und Mineralstoffen, kann dazu beitragen, das Immunsystem zu stärken und unsere Pferde vor Infektionen und Krankheiten zu schützen.
Die Rolle von Aminosäuren für Fellwechsel, Immunsystem und Gewebe
Aminosäuren sind die Bausteine von Proteinen und damit an nahezu allen Gewebestrukturen im Körper beteiligt. Dazu gehören Muskulatur, Haut, Enzyme, Hormone und auch das Fell.
Gerade beim Fellwechsel spielt eine ausreichende Versorgung mit Aminosäuren eine wichtige Rolle. Haare bestehen überwiegend aus Keratin. Keratine gehören zu den sogenannten Strukturproteinen und verleihen Haaren ihre Stabilität, Elastizität und Widerstandsfähigkeit.
Während des Fellwechsels müssen große Mengen neuer Haarfasern gebildet werden. Dafür benötigt der Organismus kontinuierlich Aminosäuren als Bausteine für die Keratinsynthese.
Fehlen diese Bausteine, kann der Körper vorhandene Proteine nur eingeschränkt nutzen oder muss aus vorhandenem Strukturen Aminosäuren gewinnen, z. B. durch den Abbau der körpereigenen Muskulatur.
Auch im Immunsystem werden zahlreiche Proteine gebildet, zum Beispiel Antikörper oder Enzyme, die an der Immunantwort beteiligt sind.
Eine ausgewogene Versorgung mit Aminosäuren unterstützt daher das Immunsystem und den Aufbau neuer Gewebestrukturen und trägt dazu bei, dass der Fellwechsel möglichst reibungslos ablaufen kann.
Wichtige Aminosäuren im Fellwechsel im Überblick
In der Pferdefütterung gelten mehrere Aminosäuren als besonders relevant für Fell, Haut und Stoffwechselprozesse:
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Methionin
Methionin ist eine schwefelhaltige Aminosäure und spielt eine wichtige Rolle bei der Bildung von Keratin. Keratin ist der Hauptbestandteil von Haaren, Haut und Hufen. Eine ausreichende Versorgung kann daher die Fellqualität und den Hautstoffwechsel unterstützen.
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Threonin
Threonin ist an verschiedenen Stoffwechselprozessen beteiligt und spielt eine Rolle bei der Bildung bestimmter Proteine im Immunsystem.
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Lysin
Lysin gehört zu den wichtigsten essenziellen Aminosäuren für Pferde. Es ist unter anderem für den Aufbau von Muskelprotein und die Regeneration von Gewebe notwendig. In vielen Rationen gilt Lysin als limitierende Aminosäure.
Mangelanzeichen beim Pferd im Herbst und Fellwechsel erkennen
Im Herbst zeigen viele Pferde Veränderungen in ihrem Allgemeinzustand, bedingt durch kühlere Temperaturen, Futterumstellungen und den parallel ablaufenden Fellwechsel. Diese Beobachtungen müssen nicht zwingend auf einen Nährstoffmangel hindeuten, können aber Hinweise auf eine erhöhte Belastung des Stoffwechsels sein.
Mögliche Anzeichen können sein:
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Langsamer oder verzögerter Fellwechsel
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Stumpfes oder glanzloses Fell
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Verminderte Leistungsbereitschaft
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Erhöhte Müdigkeit
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Verzögerte Regeneration nach Belastung
Du willst mehr zu Mangelanzeichen beim Pferd erfahren? Wir haben dieser Thematik einen eigenen Beitrag gewidmet “Bekommt mein Pferd genug Aminosäuren?”
Fazit: So kannst du dein Pferd im Herbst unterstützen
Der Herbst stellt Pferde vor gleich mehrere Herausforderungen. Fellwechsel, sinkende Temperaturen und die Umstellung von Weidegras auf Heu erhöhen die Anforderungen an Stoffwechsel und Immunsystem.
Mit dem Ende der Weidesaison rückt eine ausreichende Versorgung mit hochwertigem Heu wieder in den Mittelpunkt der Raufutterversorgung. Gleichzeitig sollte die Futterumstellung langsam und kontrolliert erfolgen, damit sich die Darmflora an die veränderte Zusammensetzung der Ration anpassen kann.
Auch eine bedarfsgerechte Versorgung mit essenziellen Aminosäuren spielt in dieser Phase eine wichtige Rolle. Sie dienen als Bausteine für Proteine und werden unter anderem für Fellwachstum, Gewebeaufbau und zahlreiche Prozesse im Immunsystem benötigt.
Gerade im Herbst entscheidet eine ausgewogene Fütterung darüber, wie gut Pferde den Fellwechsel, sinkende Temperaturen und Futterumstellungen bewältigen.
Du willst mehr über Aminosäuren und ihre Bedeutung in der Fütterung erfahren? Wir haben der Thematik einen eigenen Beitrag gewidmet.
Quellen:
O’Brien C, Darcy-Dunne MR, Murphy BA. The effects of extended photoperiod and warmth on hair growth in ponies and horses at different times of year. PLOS ONE. 2020;15(1):e0227115. doi:10.1371/journal.pone.0227115.
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0227115
Mok CH, Roberts J, Urschel KL. Amino acid requirements in horses – A review. 2020.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7206390/
Merck Veterinary Manual. Nutritional Requirements of Horses and Other Equids (Lysin-Richtwerte, Proteinqualität).
https://www.merckvetmanual.com/management-and-nutrition/nutrition-horses/nutritional-requirements-of-horses-and-other-equids




