Baut ein Pferd trotz passenden Trainings nur langsam Muskulatur auf, wirkt das Fell stumpf oder lässt die Leistungsbereitschaft nach, kommen viele mögliche Ursachen infrage. Neben Haltung, Training und Energieversorgung kann auch die Versorgung mit essenziellen Aminosäuren eine Rolle spielen.

In diesem Beitrag erklären wir, welche möglichen Anzeichen auf eine unzureichende Aminosäurenversorgung hindeuten können, welche Ursachen infrage kommen und wann der Bedarf steigt.

Stand: 21.07.2026 • Autor: Ralf Stüber

Woran erkennt man einen Aminosäurenmangel beim Pferd? 

Da Aminosäuren an vielen Prozessen im Körper beteiligt sind, können sich Versorgungslücken in ganz unterschiedlichen Bereichen bemerkbar machen.

Mögliche Hinweise auf eine unzureichende Aminosäurenversorgung sind ein langsamer Muskelaufbau, verzögerte Regeneration, stumpfes Fell, ein verzögerter Fellwechsel, schwaches Hufwachstum und eine nachlassende Leistungsbereitschaft.

Diese Veränderungen sind jedoch unspezifisch und können auch durch eine zu geringe Energieversorgung, gesundheitliche Probleme oder Defizite anderer Nährstoffe entstehen. Sie sollten deshalb immer im Zusammenhang mit der Fütterung, Haltung, Belastung und Lebensphase des Pferdes beurteilt werden.

Besonders bei Gewichtsverlust, deutlichem Muskelabbau oder anhaltendem Leistungsabfall sollten gesundheitliche Ursachen tierärztlich abgeklärt werden.

Aminosaeuremangel Symptome erkennen Grafik

 

Warum sind Aminosäuren für Pferde so wichtig?

Aminosäuren sind als Bausteine von Proteinen an nahezu allen Gewebestrukturen im Körper des Pferdes beteiligt.

Der Organismus eines Pferdes befindet sich ständig in einem dynamischen Gleichgewicht aus Auf- und Abbauprozessen. Selbst im Ruhezustand werden täglich große Mengen an Körperprotein erneuert.

Da der Organismus keinen eigentlichen Speicher für Aminosäuren besitzt, müssen diese kontinuierlich zur Verfügung stehen. Einen Teil der benötigten Aminosäuren kann der Körper selbst bilden, essenzielle Aminosäuren müssen hingegen über das Futter aufgenommen werden.

Aminosäuren werden unter anderem benötigt für:

• Muskelaufbau und Muskelregeneration
• Aufbau und Erneuerung von Haut, Fell und Hufen
• Bildung von Enzymen und Hormonen
• Bildung von Antikörpern und weitere Prozesse des Immunsystems
• viele weitere zentrale Stoffwechselprozesse im Organismus

Fehlt eine essenzielle Aminosäure im Verhältnis zu den anderen, kann sie die Verwertung des gesamten aufgenommenen Proteins begrenzen. Man spricht dann von einer limitierenden Aminosäure.

Wer tiefer in die physiologischen Hintergründe einsteigen möchte, findet eine ausführliche Erklärung zur Rolle von Aminosäuren, zur Proteinqualität und zum Prinzip der limitierenden Aminosäuren in unserem Beitrag „Bedeutung von Aminosäuren in der Pferdeernährung“.

 

Die wichtigsten Aminosäuren beim Pferd

Für Pferde sind vor allem Lysin, Methionin und Threonin wichtig, weil schon ein Mangel an einer dieser Aminosäuren die Proteinverwertung verschlechtern kann.

Lysin

Lysin gehört zu den wichtigsten essenziellen Aminosäuren für Pferde.
Es spielt eine zentrale Rolle beim Muskelaufbau, der Geweberegeneration und der Bildung von Enzymen.

In vielen Rationen gilt Lysin als erstlimitierende Aminosäure.
Gerade getreidebetonte Rationen liefern oft vergleichsweise wenig Lysin.

Methionin

Methionin ist eine essenzielle schwefelhaltige Aminosäure und dient unter anderem als Ausgangsstoff für die Bildung von Cystein. Schwefelhaltige Aminosäuren sind für den Aufbau keratinhaltiger Strukturen wie Fell und Hufe relevant.

Threonin

Threonin zählt ebenfalls zu den wichtigen essenziellen Aminosäuren in der Pferdefütterung. Es wird für die Bildung körpereigener Proteine benötigt und spielt unter anderem eine Rolle für Funktionen des Immunsystems. Außerdem ist Threonin Bestandteil von Mucinen, also von Schleimstoffen, die für die Schleimhautbarriere im Verdauungstrakt wichtig sind.

 

Warum entsteht ein Aminosäurenmangel beim Pferd?

Eine unzureichende Versorgung mit einzelnen essenziellen Aminosäuren kann auch dann auftreten, wenn die Ration rechnerisch ausreichend Rohprotein enthält. Entscheidend ist nicht nur die aufgenommene Proteinmenge, sondern auch die Zusammensetzung und Verdaulichkeit des Proteins.

Denn: Für den Aufbau von Körperprotein müssen alle benötigten essenziellen Aminosäuren gleichzeitig in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Fehlt beispielsweise Lysin, kann das Pferd auch die übrigen aufgenommenen Aminosäuren nicht optimal für den Aufbau körpereigener Proteine nutzen.

Ein allgemeiner Proteinmangel wird häufig erst bei einer deutlichen Unterversorgung sichtbar. Nach Coenen und Vervuert sind bei Pferden im Erhaltungszustand erkennbare Mangelsymptome meist erst zu erwarten, wenn die Proteinversorgung etwa 30 Prozent unter dem Bedarf liegt. Eine unzureichende Versorgung mit einzelnen essenziellen Aminosäuren kann jedoch bereits bestehen, bevor sich eindeutige äußerliche Veränderungen zeigen.

In der Praxis lassen sich drei wichtige Ursachen unterscheiden.

Qualität und Proteingehalt des Grundfutters

Heu und Gras sind für die meisten Pferde die wichtigsten Quellen für Protein und Aminosäuren. Da viele Pferde nur begrenzten Weidezugang haben, liefert Heu häufig den größten Teil der täglich aufgenommenen Aminosäuren.

Der Proteingehalt und die Proteinqualität von Heu können jedoch erheblich schwanken. Zu den Einflussfaktoren gehören insbesondere der Pflanzenbestand, der Schnittzeitpunkt, die Witterung während des Wachstums und der Ernte sowie die anschließende Lagerung. Spät geschnittenes oder überständiges Heu enthält häufig weniger Protein als junges, früh geerntetes Futter. Auch ausgeprägte Trockenperioden während der Wachstumsphase können die Zusammensetzung der Pflanzen beeinflussen.

Besonders relevant ist dies, wenn nur begrenzte Heumengen gefüttert, Heu mit Stroh kombiniert oder bedampftes beziehungsweise gewässertes Heu eingesetzt wird.

Untersuchungen zeigen, dass bei heiß bedampftem Heu der Rohproteingehalt nahezu unverändert bleiben kann, während die präcaecale Verdaulichkeit des Proteins und einzelner Aminosäuren sinkt. Insbesondere bei Pferden mit erhöhtem Aminosäurenbedarf sollte dies bei der Beurteilung der Gesamtration berücksichtigt werden.

Eine Heuanalyse hilft dabei, den Rohproteingehalt und weitere wichtige Eigenschaften des Grundfutters einzuschätzen. 

Ungünstiges Aminosäurenprofil in der Ration

Auch eine Ration mit rechnerisch ausreichendem Rohproteingehalt kann einzelne essenzielle Aminosäuren nur in unzureichender Menge liefern. In vielen typischen Pferderationen gilt insbesondere Lysin als limitierende Aminosäure.

In diesem Fall liegt nicht zwingend ein Mangel an Gesamtprotein vor. Vielmehr stimmt das Verhältnis der enthaltenen Aminosäuren nicht optimal mit dem Bedarf des Pferdes überein. Dadurch kann ein Teil des aufgenommenen Proteins nicht vollständig für den Aufbau von Körperprotein genutzt werden.

Erhöhter Aminosäurenbedarf

Der Bedarf an Aminosäuren ist nicht bei jedem Pferd gleich. In bestimmten Lebensphasen oder Belastungssituationen kann der Protein- und Aminosäurenbedarf steigen.

Dazu gehören beispielsweise:

• Wachstum bei Jungpferden
• intensive körperliche Belastung und sportliches Training
• Rekonvaleszenz nach Krankheit oder Verletzung
• Laktation bei Stuten

In diesen Situationen kann eine Ration, die zuvor ausreichend war, den veränderten Bedarf möglicherweise nicht mehr vollständig decken.

Zusätzlich können sich mehrere Faktoren saisonal überlagern. Wird beispielsweise im Herbst der Weidegang reduziert und die Fütterung stärker auf Heu umgestellt, verändert sich die Nährstoffzusammensetzung der Gesamtration.

Wie sich saisonale Veränderungen von Futterangebot, Haltung und Stoffwechsel auf das Pferd auswirken können, erklären wir ausführlicher in unserem Beitrag „Pferde im Herbst“.

 

Wie hoch ist der Aminosäurenbedarf beim Pferd?

Der Aminosäurenbedarf hängt unter anderem von Körpergewicht, Alter, Lebensphase und Belastung ab. Als Ausgangspunkt wird in der Pferdefütterung in der Regel der sogenannte Erhaltungszustand betrachtet. Dieser beschreibt den Bedarf eines gesunden Pferdes ohne zusätzliche Belastung, dessen Körpergewicht stabil bleibt.

Zur Orientierung können Tabellenwerte aus Fütterungsempfehlungen herangezogen werden. Sie geben einen Richtwert für den täglichen Bedarf verschiedener Aminosäuren im Erhaltungszustand in Abhängigkeit vom Körpergewicht des Pferdes.

 Infografik: Aminosäurenbedarf beim Pferd im Erhaltungszustand

 

Je nach Lebensphase, Belastung und Stoffwechselsituation kann der Aminosäurenbedarf eines Pferdes deutlich über dem Erhaltungsbedarf liegen. Die folgende Übersicht zeigt, um wie viel der Bedarf in typischen Situationen ansteigen kann.

 

Infografik: Aminosäurenbedarf beim Pferd bei erhöhter Belastung

Besonders stark steigt der Aminosäurenbedarf in Phasen von Wachstum, intensiver Belastung, Rekonvaleszenz sowie in Trächtigkeit und vor allem Laktation. Deshalb reicht eine im Erhaltungszustand passende Ration in solchen Situationen oft nicht mehr aus, um den tatsächlichen Bedarf sicher zu decken.

Ein 500-kg-Pferd im Erhaltungszustand benötigt rund 13 g pcv Lysin pro Tag. Bei schwerer Arbeit kann dieser Bedarf je nach Belastung auf etwa 19,5 bis 23,4 g pro Tag ansteigen.

Deshalb sollte die Versorgung mit Aminosäuren immer im Kontext der individuellen Nutzung und Lebensphase des Pferdes betrachtet werden.

 

Langfristige Folgen eines Aminosäurenmangels

Bleibt ein Aminosäurenmangel über längere Zeit bestehen, kann dies verschiedene Folgen für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Pferdes haben. Der Organismus versucht in solchen Situationen, fehlende Aminosäuren aus körpereigenen Strukturen zu mobilisieren, um essenzielle Stoffwechselprozesse aufrechtzuerhalten. Dabei kann insbesondere Muskulatur abgebaut werden, da sie eine große körpereigene Proteinquelle darstellt.

Die Folge kann ein progressiver Verlust an Muskelmasse sein, der sich in typischen Symptomen wie Leistungsabfall, Trainingsintoleranz, Verspannungen und verzögerter Regeneration ausdrücken kann.

Bei Pferden mit Muskelerkrankungen wie PSSM und anderen Formen belastungsassoziierter Myopathien sollte die Ration besonders sorgfältig gemeinsam mit dem behandelnden Tierarzt oder einer qualifizierten Fütterungsberatung geprüft werden.

Wusstest du? Die Entstehung von Amino Horse hängt eng mit der PSSM-Erkrankungsgeschichte der Stute Selma zusammen. Mehr über Selma und Amino Horse findest du hier.

 

Wie kann man einem Aminosäurenmangel beim Pferd vorbeugen?

Grundlage einer bedarfsgerechten Aminosäurenversorgung ist ein ausreichend hochwertiges Grundfutter und eine zur Lebensphase passende Gesamtration. Eine Heuanalyse und Rationsberechnung helfen dabei, mögliche Versorgungslücken zu erkennen.

Zusätzlich sollten Muskelentwicklung, Fell, Hufe, Körpergewicht und Regeneration regelmäßig beobachtet werden. Reicht die Versorgung über die Gesamtration nicht aus, kann eine gezielte Ergänzung einzelner essenzieller Aminosäuren sinnvoll sein. Dabei sollte nicht nur die Gesamtmenge an Protein, sondern vor allem das Aminosäurenprofil der gesamten Ration berücksichtigt werden.

Fazit: Aminosäurenmangel beim Pferd frühzeitig erkennen

Ein Aminosäurenmangel lässt sich beim Pferd nicht anhand eines einzelnen Symptoms erkennen. Langsamer Muskelaufbau, stumpfes Fell, schwaches Hufwachstum oder verzögerte Regeneration können Hinweise sein, sind für sich genommen jedoch nicht eindeutig.

Entscheidend ist deshalb die gemeinsame Betrachtung von Grundfutter, Gesamtration, Lebensphase, Trainingszustand, Haltung und Gesundheit. Eine Heuanalyse und Rationsprüfung helfen, mögliche Versorgungslücken zu erkennen. Reicht die Versorgung nicht aus, kann eine gezielte Ergänzung essenzieller Aminosäuren sinnvoll sein.

Wer Veränderungen bei seinem Pferd frühzeitig wahrnimmt, mögliche Ursachen abklären lässt und die Ration bedarfsgerecht anpasst, unterstützt die langfristige Gesundheit und Leistungsfähigkeit seines Pferdes.

Bei Fragen sind wir jederzeit für dich da unter info@aminohorse.de.

Pferd auf Weide

 

Quellen:

Pisch, C.; Wensch-Dorendorf, M.; Schwarzenbolz, U.; Henle, T.; Greef, J. M.; Zeyner, A. (2022):
Effect of Hay Steaming on the Estimated Precaecal Digestibility of Crude Protein and Selected Amino Acids in Horses.
Animals 12(22), 3092.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36428320/

Coenen, M.; Vervuert, I. (2020):
Pferdefütterung.
6., aktualisierte Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
https://shop.thieme.de/Pferdefuetterung/9783132411784

National Research Council (NRC) (2007):
Nutrient Requirements of Horses.
Sixth Revised Edition. The National Academies Press, Washington, D.C.
https://doi.org/10.17226/11653

Geor, R. J.; Harris, P. A.; Coenen, M. (Hrsg.) (2013):
Equine Applied and Clinical Nutrition: Health, Welfare and Performance.
1st Edition. Saunders Elsevier, Edinburgh.
https://shop.elsevier.com/books/equine-applied-and-clinical-nutrition/geor/978-0-7020-3422-0
 


 


Kommentare

Liebe Bine,
vielen Dank für deine Frage.
Ja, du kannst unsere Amino Horse Basis- oder den Vitalmix problemlos zusätzlich füttern.
In den meisten Mineralfuttern, auch bei speziellen PSSM-Produkten, sind die enthaltenen Aminosäuren mengenmäßig eher gering dosiert. Teilweise werden zudem DL-Aminosäuren eingesetzt. Diese sind nicht immer optimal bioverfügbar.
Unsere Aminoprodukte sind so konzipiert, dass sie gezielt hochwertige, reine L-Aminosäuren liefern, unabhängig vom Mineralfutter. Du kannst sie daher bedenkenlos integrieren, ohne eine Überversorgung befürchten zu müssen.
Viele unserer Kundinnen und Kunden haben Pferde mit PSSM1 und berichten von sehr guten Erfahrungen mit unseren Aminosäuren, insbesondere mit dem Vitalmix.
Wir wünschen dir und deiner Stute alles Gute! Solltest du weitere Fragen haben, kontaktiere uns gerne jederzeit per Mail.
Liebe Grüße
Dein Amino Horse Team

— Philipp M.

Hallo,
ich bin über eine Freundin auf euch aufmerksam geworden. Ich habe eine PSSM1 Stute, bei der im letzten Mikronährstofftest genau die typischen Mängel zum Vorschein kamen. Daher finde ich euer Produkt super interessant, bin aber echte Laie in Fütterungsthemen – gebe mein bestes, aber klappt nicht immer ;-) Sie bekommt seit kurzem als Mineralfutter das PSSM Vital von Atcom (vorher Bodyguard von St Hippolyt). Kann ich eure Amino Ergänzung bedenkenlos zufüttern? Ansonsten bekommt sie natürlich kein Getreide und Zucker/Stärkearmes Futter. Beim Heu habe ich leider keine wirklichen Optionen im Pensionsstall, außer die Menge nach Bedarf mit unterschiedlichen Maschenweiten im Heunetzen zu steuern. Sie steht zum Glück im Offenstall mit Pferden, die zu ihrer Diagnose passen. Liebe Grüße und danke für eure Hilfe, Bine

— Sabine Lack