Aminosäuren sind die elementaren Bausteine aller Proteine und übernehmen entscheidende Funktionen im Körper des Pferdes. 

Trotz ihrer zentralen Bedeutung werden sie in der Fütterung häufig unterschätzt. Während Energie, Mineralstoffe oder Vitamine in vielen Fütterungsplänen im Mittelpunkt stehen, wird der Blick auf die Proteinqualität oft vernachlässigt. 

Sie sind notwendig für den Aufbau und die Erneuerung von Muskulatur, Haut und Hufen sowie für die Bildung von Enzymen, Hormonen und vielen Prozessen des Immunsystems.

Eine ausreichende Versorgung mit Aminosäuren ist daher entscheidend für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Regeneration. Besonders essenzielle Aminosäuren spielen eine zentrale Rolle, da der Körper des Pferdes sie nicht selbst herstellen kann. 

Dieser Artikel erklärt, was Aminosäuren genau sind, welche Funktionen sie im Pferdekörper übernehmen, welche besonders wichtig sind und wann eine gezielte Ergänzung sinnvoll sein kann. 

 Stand 13.03.2026 • Autor: Ralf Stüber 

  

Was sind Aminosäuren?


Aminosäuren sind organische Moleküle, die als Bausteine von Proteinen dienen. Proteine wiederum bilden einen großen Teil der strukturellen und funktionellen Substanz im Körper eines Pferdes. 
Das Wort Protein stammt vom griechischen „proteos“ und bedeutet „von höchster Wichtigkeit“ - ein Hinweis darauf, welche zentrale Rolle diese Stoffe im Organismus spielen. 
Insgesamt werden beim Pferd 21 verschiedene Aminosäuren für den Aufbau von Proteinen benötigt. Sie unterscheiden sich in ihrer chemischen Struktur und damit auch in ihrer Funktion im Stoffwechsel. 

Grundsätzlich lassen sich Aminosäuren in drei Gruppen einteilen: 

Nicht essenzielle Aminosäuren 
Diese kann der Körper des Pferdes aus anderen Stickstoffverbindungen selbst bilden. 

Essenzielle Aminosäuren 
Essenzielle Aminosäuren können vom Körper des Pferdes nicht oder nur in sehr begrenztem Umfang synthetisiert (also selbst gebildet) werden und müssen daher über die Nahrung aufgenommen werden.
Gerade diese essenziellen Aminosäuren spielen in der Pferdeernährung eine besonders wichtige Rolle. 

Semi‑essenzielle Aminosäuren
Semi‑essenzielle Aminosäuren kann der Pferdekörper prinzipiell selbst bilden, jedoch nicht immer in der Menge, die in Phasen höheren Bedarfs benötigt wird. In Wachstum, Training, Krankheit oder Fellwechsel kann die körpereigene Synthese unzureichend sein. 
In solchen Situationen ist eine zusätzliche Zufuhr sinnvoll, um eine optimale Aminosäurenversorgung und -verwertung sicherzustellen.

 

Gegenüberstellung: Essenzielle, nicht essenzielle und semi-essenzielle Aminosäuren beim Pferd

 

Exkurs: Wie aus Aminosäuren Körperprotein entsteht 

Damit Aminosäuren ihre Aufgaben im Organismus erfüllen können, müssen sie zunächst zu Proteinen zusammengesetzt werden. Dieser Vorgang wird Proteinsynthese genannt und findet in den Zellen des Körpers statt. Grundlage dafür ist die genetische Information: Die Reihenfolge der Aminosäuren im Protein wird durch die DNA vorgegeben. 

Während der Proteinsynthese verknüpft der Körper einzelne Aminosäuren in exakt definierter Reihenfolge zu langen Ketten. Diese Ketten falten sich anschließend zu komplexen dreidimensionalen Strukturen, aus denen funktionelle Proteine entstehen. 

Solche Proteine bilden unter anderem: 

  • Muskelgewebe
  • Enzyme
  • Hormone
  • Antikörper des Immunsystems
  • Strukturproteine von Haut, Fell und Hufen
  • Sowie zahlreiche weitere wichtige Bestandteile des Organismus 

Damit dieser Aufbauprozess funktionieren kann, müssen alle benötigten Aminosäuren gleichzeitig in ausreichender Menge verfügbar sein. Fehlt eine einzelne essenzielle Aminosäure, kann die Proteinsynthese nicht optimal ablaufen, selbst wenn alle anderen Aminosäuren vorhanden sind. 

Dieser Zusammenhang wird später im Artikel beim Prinzip der limitierenden Aminosäuren noch genauer erläutert. 

   

Welche Funktionen Aminosäuren im Pferdekörper übernehmen  

Aminosäuren übernehmen eine Vielzahl wichtiger Funktionen im Organismus eines Pferdes. Der Körper synthetisiert und erneuert täglich große Mengen an Proteinstrukturen. Selbst in Ruhe befinden sich zahlreiche Gewebe in einem ständigen Auf- und Abbauprozess. Eine kontinuierliche Versorgung mit Aminosäuren ist daher notwendig, um diese Prozesse aufrechtzuerhalten. Besonders deutlich wird ihre Bedeutung in den folgenden Bereichen: 

Muskelstoffwechsel  
Muskelgewebe besteht zu einem großen Teil aus Proteinstrukturen. Aminosäuren werden daher für den Aufbau, die Anpassung und die Reparatur der Muskulatur benötigt. Besonders bei Training, Wachstum oder Rekonvaleszenz steigt der Bedarf deutlich an.  

Haut, Fell und Hufe  
Keratinstrukturen in Haut, Fell und Hufen bestehen ebenfalls aus Proteinen. Schwefelhaltige Aminosäuren wie Methionin spielen hier eine wichtige Rolle für Stabilität und Struktur 

Immunsystem  
Ein großer Teil des Immunsystems basiert auf Proteinstrukturen, etwa Antikörper oder bestimmte Signalstoffe des Immunsystems. Auch hier sind Aminosäuren unverzichtbare Bausteine 

Enzyme und Hormone  
Viele Enzyme und Hormone bestehen ganz oder teilweise aus Aminosäuren. Sie steuern zentrale Stoffwechselprozesse im Körper und ermöglichen überhaupt erst die Regulation zahlreicher biologischer Abläufe.
So sorgen z. B. Enzyme in der Muskulatur dafür, dass Nährstoffe in Energie umgewandelt werden. Ohne diese aus Aminosäuren aufgebauten Enzyme könnte ein Pferd während Training oder Arbeit keine Energie aus dem Futter gewinnen. 
  

Limitierende Aminosäuren beim Pferd: Lysin, Threonin und Methionin 

Viele Pferderationen basieren hauptsächlich auf Heu, Gras und gegebenenfalls Kraftfutter. Diese Futtermittel liefern zwar auch Protein, enthalten jedoch nicht immer alle essenziellen Aminosäuren in optimaler Zusammensetzung.
Während der Gesamtproteingehalt häufig ausreichend erscheint, kann die Zusammensetzung der Aminosäuren dennoch unausgewogen sein.
Fehlt eine einzelne Aminosäure, wird sie zum limitierenden Faktor für die Proteinsynthese. 

Beim Pferd gelten insbesondere folgende, essenzielle Aminosäuren als ernährungsphysiologisch limitierend: 

  • Lysin
  • Threonin
  • Methionin 

Lysin wird häufig als erstlimitierende Aminosäure beschrieben. Ist sie nicht ausreichend vorhanden, kann der Körper andere Aminosäuren nicht vollständig für den Aufbau von Körpergewebe nutzen. 

In solchen Fällen kann eine gezielte Ergänzung einzelner Aminosäuren helfen, die Proteinverwertung zu verbessern. Statt große Mengen an zusätzlichem Rohprotein zu füttern, wird die Ration gezielt mit den limitierenden Bausteinen ergänzt. 

Dieses Prinzip wird als "limitierendes Aminosäurekonzept" beschrieben und ist aus der Nutztierernährung bereits seit vielen Jahrzehnten bekannt, da es eine effizientere Nährstoffversorgung ermöglicht.

 Infografik: Die 3 wichtigsten Aminosäuren beim Pferd

 

Exkurs: Das Minimumgesetz: Warum eine einzige Aminosäure alles begrenzen kann 

Ein hilfreiches Modell zum Verständnis dieses Zusammenhangs ist das sogenannte Minimumgesetz, auch bekannt alsLiebig’sches Fass“. 

Die Versorgung mit Aminosäuren können wir uns wie ein Holzfass vorstellen. Jede Daube (die einzelnen Holzplanken eines Fasses) steht für eine einzelne Aminosäure. Die Höhe des Wassers im Fass entspricht der maximal möglichen Proteinsynthese im Körper. 

Die Füllhöhe wird immer durch die kürzeste Daube begrenzt. 

Fehlt also eine einzelne essenzielle Aminosäure, kann der Körper vorhandene Proteine nicht vollständig nutzen, selbst wenn alle anderen Aminosäuren in ausreichender Menge vorhanden sind. 

Dieses Prinzip erklärt, warum in der modernen Tierernährung nicht nur die Gesamtmenge an Protein betrachtet wird, sondern vor allem die Zusammensetzung der Aminosäuren. 

Das Aminosäuren Minimumprinzip beim Pferd erklärt: Liebigs Fass


Proteinqualität: Warum Rohprotein allein nicht ausreicht 

 In der Pferdefütterung wird häufig über den Rohproteingehalt eines Futters gesprochen. Dieser Wert sagt jedoch nichts darüber aus, ob die für den Körper entscheidenden essenziellen Aminosäuren tatsächlich in ausreichender Menge enthalten sind und wie gut das enthaltene Protein vom Körper tatsächlich genutzt werden kann. 

Entscheidend ist nämlich nicht nur die Menge an Protein, sondern vor allem seine Aminosäurezusammensetzung. Ein Futtermittel kann einen hohen Rohproteingehalt besitzen und dennoch nur geringe Mengen der essenziellen Aminosäurenliefern, die der Organismus tatsächlich benötigt. 

Neben der Zusammensetzung spielt auch die chemische Form der Aminosäuren eine Rolle. Aminosäuren können in zwei spiegelbildlichen Varianten vorkommen: der sogenannten L-Form und der D-Form. Im Stoffwechsel von Säugetieren gilt vor allem die L-Form als biologisch aktiv und wird direkt für den Aufbau von Körperproteinen genutzt. 

Einige Futtermittel oder Zusatzstoffe enthalten sogenannte DL-Aminosäuren, also eine Mischung aus L- und D-Form. Während der L-Anteil unmittelbar verfügbar ist, wird die Verwertung der D-Form im Organismus unterschiedlich bewertet und ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Aus diesem Grund setzen viele hochwertige Aminosäurenpräparate gezielt auf reine L-Aminosäuren. 

Das bedeutet, dass eine unausgewogene Proteinversorgung nicht nur ineffizient ist, sondern auch den Stoffwechsel stärker beanspruchen kann. 

  

Wann der Aminosäurenbedarf besonders hoch ist  

 Der Bedarf an Aminosäuren ist nicht bei jedem Pferd gleich. Verschiedene Lebensphasen und Belastungssituationen verändern den Proteinumsatz im Körper deutlich 

  • Jungpferde im Wachstum

    Während des Wachstums werden große Mengen neuer Gewebestrukturen aufgebaut. Dazu gehören Muskulatur, Knochen, Sehnen und Bindegewebe.
    Der Bedarf an hochwertigen Proteinen und essenziellen Aminosäuren ist in dieser Phase besonders hoch.  

  • Training und Sport  
    Bei regelmäßigem Training steigt der Proteinumsatz in der Muskulatur deutlich an. Aminosäuren werden benötigt, um belastete Muskelstrukturen zu reparieren und an Trainingsreize anzupassen.
    Wir haben der ThematikMuskelaufbau beim Pferdeinen eigenen Blog-Beitrag gewidmet. 

  • Laktation
    Während der Laktation produziert die Stute große Mengen Milch - eine der proteinreichsten Körpersubstanzen. Dafür benötigt sie deutlich mehr Aminosäuren, insbesondere essenzielle, um die Milchbildung sicherzustellen, ihren eigenen Körper nicht auszubeuten und den Nährstoffbedarf des Fohlens zu decken. 

  • Rehabilitation
    Nach Verletzungen oder Krankheiten ist der Körper verstärkt mit Reparaturprozessen beschäftigt. Auch hier steigt der Bedarf an Protein und Aminosäuren. 

  • Seniorpferde
    Mit zunehmendem Alter nimmt die Fähigkeit des Körpers ab, Muskelprotein effizient aufzubauen. Gleichzeitig steigt das Risiko für Muskelabbau.
    Eine ausreichende Versorgung mit essenziellen Aminosäuren kann dabei helfen, Muskulatur und Beweglichkeit möglichst lange zu erhalten. 

 

Kann ein Pferd zuviele Aminosäuren bekommen? 

Aminosäuren können im Körper nicht langfristig gespeichert werden. Werden mehr Aminosäuren aufgenommen als für den Aufbau von Körpergewebe oder andere Prozesse benötigt werden, werden sie im Stoffwechsel abgebaut. 

Durch den Prozess der Desaminierung wird zunächst die Aminogruppe abgespalten. Der dabei entstehende Stickstoff wird anschließend in der Leber zu Harnstoff umgewandelt und über die Nieren im Urin ausgeschieden. 

Trotz mangelnder langfristiger Speicherfähigkeit, verfügt der Körper über einige sehr begrenzte kurzfristige Reserven. Sobald sie gefüllt sind, müssen überschüssige Aminosäuren abgebaut werden: 

  • Blutplasma: Enthält freie Aminosäuren, die sofort für Stoffwechselprozesse zur Verfügung stehen. 

  • Leber: Reguliert den Aminosäurenstoffwechsel und entscheidet, ob Aminosäuren genutzt oder abgebaut werden. 

  • Muskulatur: Größte Proteinreserve des Körpers, jedoch nur ein kleiner Pool freier Aminosäuren. 

 

Ein gesundes und gut muskuliertes Pferd in der Natur  

Woran ein Aminosäurenmangel erkennbar sein kann 

  Eine unzureichende Versorgung mit essenziellen Aminosäuren zeigt sich häufig zuerst in Bereichen mit hohem Proteinumsatz. 

Mögliche Hinweise können sein: 

  • Wenig Muskelaufbau trotz Training und ausreichender Regeneration
  • Langsame Regeneration nach Belastung
  • Stumpfes oder struppiges Fell
  • Schwache Hufqualität
  • Verminderte Leistungsfähigkeit
  • Vermindertes allgemeines Wohlbefinden 

 Diese Symptome können jedoch viele Ursachen haben. Eine ganzheitliche Betrachtung der Fütterung und des Trainingszustands ist daher immer wichtig. 

Du willst mehr dazu erfahren? Wir haben der Thematik einen eigenen Blog-Beitrag gewidmet: “Bekommt mein Pferd genug Aminosäuren? 

   

Fazit: Aminosäuren als zentrale Bausteine der Pferdeernährung  

Aminosäuren gehören zu den grundlegenden Bausteinen des Pferdekörpers. Sie sind notwendig für Muskulatur, Haut, Hufe, Enzyme, Hormone und große Teile des Immunsystems 

In vielen Pferderationen ist weniger die Menge an Protein entscheidend als die Zusammensetzung der enthaltenen Aminosäuren. Fehlen essenzielle Aminosäuren wie Lysin, Threonin oder Methionin, kann der Körper vorhandenes Protein nur eingeschränkt nutzen 

Eine bedarfsgerechte Versorgung mit diesen Bausteinen bildet daher eine wichtige Grundlage für langfristige Gesunderhaltung, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit des Pferdes. 

Bei Fragen schreibt uns gerne an info@aminohorse.de 

Infografik: Aminosäurenbedarf beim Pferd im Erhaltungszustand

Infografik: Aminosäurenbedarf beim Pferd bei erhöhter Belastung

 

Quellen: 

Pferdefütterung; 6.Auflage, Coenen, Vervuert; 2020 

Nutrient Requirements of Horses; NRC; Sixth Revised Edition 

Equine Applied and Clinical Nutrition: Health, Welfare and Performance; Geor RJ, Harris PA, Coenen M; 2013