Heu kann je nach Ernte, Lagerung und Qualität mit Staub, Schimmelsporen und Bakterien belastet sein. Besonders bei Pferden mit empfindlichen Atemwegen oder equinem Asthma wird es deshalb häufig bedampft, um die Belastung durch solche Partikel zu reduzieren.
Das Bedampfen von Heu kann die mikrobiologische Qualität des Futters deutlich verbessern. Gleichzeitig reagieren jedoch bestimmte Nährstoffe empfindlich auf Hitze, insbesondere Proteine und Aminosäuren, deren Verfügbarkeit sich durch hohe Temperaturen verändern kann.
Dieser Artikel erklärt, wie Heubedampfen funktioniert, welche Vorteile es für die Atemwege bietet und was die Behandlung für Lysin, Threonin und andere essenzielle Aminosäuren bedeutet.
Welche Rolle Aminosäuren generell in der Pferdeernährung spielen, erklären wir ausführlich in unserem Beitrag zur "Relevanz von Aminosäuren in der Pferdeernährung“.
Wie funktioniert Heubedampfen?
Beim Heubedampfen wird Heu in einem geschlossenen Behälter mit heißem Wasserdampf behandelt. Spezielle Heubedampfer erzeugen gesättigten Wasserdampf, der durch das Heu geleitet wird und es gleichmäßig erhitzt.
Gesättigter Wasserdampf ist Dampf, der bei seiner aktuellen Temperatur und seinem Druck gerade noch gasförmig ist. Trifft er auf kühleres Heu, kondensiert er wieder zu Wasser und gibt dabei besonders viel Wärme direkt an das Heu ab.
Während des Prozesses steigt die Temperatur im Inneren des Heus innerhalb weniger Minuten stark an und kann nach etwa einer Stunde Temperaturen von rund 95 bis 100 °C erreichen, wie Untersuchungen an kommerziellen Heubedampfern zeigen.
Die Kombination aus Feuchtigkeit und hoher Temperatur bindet Staub und reduziert vermehrungsfähige Mikroorganismen.
Vorteile der Heubedampfung
Der Hauptgrund für das Bedampfen von Heu liegt in der Verbesserung der mikrobiologischen Qualität des Futters. Heu kann je nach Erntebedingungen, Lagerung und Feuchtigkeit unterschiedlich stark mit Staub, Schimmelsporen oder Mikroorganismen belastet sein.
Diese Partikel werden beim Fressen eingeatmet und gelten als wichtige Auslöser entzündlicher Atemwegserkrankungen beim Pferd.
Durch die Behandlung mit heißem Wasserdampf lassen sich viele dieser Belastungen deutlich reduzieren. Untersuchungen zeigen, dass beim Bedampfen von Heu die Menge an Staubpartikeln, Bakterien und Schimmelsporen deutlich reduziert werden kann.
In einigen Studien konnte eine Reduktion mikrobieller Belastungen und inhalierbarer Partikel um bis zu etwa 90–99 % beobachtet werden. Entscheidend ist jedoch, dass der Dampf das gesamte Heu durchdringt und ausreichend hohe Temperaturen erreicht. Einfachere oder selbst gebaute Systeme erzielen nicht zwangsläufig die gleiche Wirkung.
Aus diesem Grund wird das Bedampfen von Heu besonders bei Pferden mit empfindlichen Atemwegen, chronischem Husten oder diagnostiziertem equinem Asthma eingesetzt.
Achtung: Das Bedampfen ersetzt keine einwandfreie Grundqualität des Heus. Sichtbar verschimmeltes, verdorbenes oder anderweitig hygienisch ungeeignetes Heu sollte auch nach einer Bedampfung nicht verfüttert werden.
Warum staubarmes Raufutter bei equinem Asthma wichtig ist
Equines Asthma zählt zu den häufigsten chronischen Atemwegserkrankungen beim Pferd. Schätzungen zufolge betrifft die schwere Form etwa 14–17 % der Pferde in Regionen mit nördlichem, kühlem Klima. Auch aus wärmeren Regionen sind teilweise hohe Häufigkeiten bekannt, belastbare und international vergleichbare Prävalenzdaten fehlen jedoch bislang.
Noch häufiger werden in bestimmten untersuchten Pferdepopulationen Hinweise auf mildes bis moderates equines Asthma gefunden. Je nach Population und Untersuchungsmethode wurden entsprechende entzündliche Veränderungen bei etwa zwei Dritteln oder mehr der untersuchten Freizeit- und Sportpferde festgestellt.
Staub, Schimmelsporen, Bakterien und weitere Partikel aus dem Raufutter können beim Fressen eingeatmet werden und gelten als wichtige Umweltfaktoren bei entzündlichen Atemwegserkrankungen. Die Reduktion dieser Belastung ist daher ein zentraler Bestandteil des Haltungs- und Fütterungsmanagements betroffener Pferde.

Exkurs: Bedampfen oder Einweichen von Heu?
Eine alternative Methode zur Reduktion von Staubbelastung im Heu ist das Einweichen in Wasser. Dabei werden Staubpartikel gebunden und können beim Fressen weniger leicht eingeatmet werden.
Beim Einweichen werden jedoch auch wasserlösliche Nährstoffe aus dem Heu ausgewaschen. Dazu gehören vor allem wasserlösliche Kohlenhydrate, bestimmte lösliche Protein- und Stickstoffverbindungen sowie Mineralstoffe.
Bedampftes Heu wird deshalb häufig als Alternative zum Einweichen eingesetzt. Durch den heißen Wasserdampf kann die mikrobiologische Belastung des Heus deutlich reduziert werden, ohne dass größere Mengen wasserlöslicher Nährstoffe ausgewaschen werden.
Nachteile von bedampftem Heu für die Nährstoffversorgung
Die beim Bedampfen entstehenden Temperaturen von nahezu 100 °C wirken sich nicht nur auf Mikroorganismen aus, sondern auch auf bestimmte Nährstoffe im Heu. Besonders empfindlich reagieren dabei Proteine und Aminosäuren auf die Hitze.
Unter solchen Bedingungen können chemische Reaktionen stattfinden, bei denen Aminosäuren mit Zuckern reagieren. Diese Reaktionen führen dazu, dass sich die Struktur bestimmter Proteinbestandteile verändert.
Ein Teil der Proteine wird dadurch weniger löslich und kann im Verdauungstrakt schlechter aufgeschlossen werden. Für die Bewertung der Proteinversorgung ist daher nicht nur der Rohproteingehalt eines Futters entscheidend, sondern vor allem die Verfügbarkeit der enthaltenen Aminosäuren.
Rohprotein bleibt weitgehend unverändert
Untersuchungen zeigen, dass die Rohproteinwerte von unbehandeltem und bedampftem Heu häufig ähnlich sind, sich also der Gesamtgehalt an Rohprotein durch das Bedampfen meist nur geringfügig verändert.
Die Veränderungen betreffen daher weniger die Menge an Protein, sondern vielmehr seine chemische Struktur. Durch die Hitzeeinwirkung verschiebt sich ein Teil des Proteins von löslichen in schwer lösliche Fraktionen. Diese sind für Verdauungsenzyme schlechter zugänglich und können vom Organismus weniger effizient genutzt werden.
Das bedeutet, dass eine klassische Futtermittelanalyse den Effekt oft nicht sichtbar macht.
Geschätzte präzäkale Verdaulichkeit sinkt deutlich
Für die Proteinversorgung des Pferdes ist besonders relevant, welcher Anteil des Rohproteins bis zum Ende des Dünndarms verdaut werden kann. Dieser prozentuale Anteil wird als präzäkale Verdaulichkeit des Rohproteins bezeichnet. Der daraus berechnete absolute Gehalt wird als präzäkal verdauliches Rohprotein angegeben.
In der Studie von Pisch et al. wurde die präzäkale Verdaulichkeit auf Grundlage analytisch bestimmter Proteinfraktionen berechnet. Unter den untersuchten Bedampfungsbedingungen lag sie beim unbehandelten Heu bei etwa 56 % und beim bedampften Heu bei rund 35 % des Rohproteins. Dies entsprach einem Rückgang des berechneten Gehalts an präzäkal verdaulichem Rohprotein von 37,9 auf 22,5 g je kg Trockenmasse.
Der nahezu unveränderte Rohproteingehalt bildet diesen Unterschied daher nicht ab.
Welche Folgen eine eingeschränkte Aminosäurenversorgung haben kann, erklären wir ausführlich im Beitrag „Aminosäurenmangel beim Pferd erkennen“.
Essenzielle Aminosäuren besonders betroffen
Für die Rationsgestaltung sind insbesondere die Veränderungen bei essenziellen Aminosäuren relevant. Besonders deutlich zeigt sich der Effekt bei Lysin.
Lysin gilt als eine der wichtigsten limitierenden Aminosäuren in vielen üblichen Pferderationen und spielt eine zentrale Rolle für:
- körpereigene Proteinsynthese
- Muskel- und Gewebeaufbau
- Erhaltung und Regeneration von Körpergewebe
- Wachstum und Entwicklung
Bei den untersuchten Heuproben sank der analysierte Lysingehalt durch das Bedampfen um etwa 24 %. Die geschätzte präzäkal verdauliche Lysinmenge verringerte sich sogar um rund 54 %.
Auch für andere Aminosäuren wurden deutlich geringere präzäkal verdauliche Mengen berechnet. Bei Methionin und Cystein betrug der Rückgang zusammen etwa 45 %, bei Threonin rund 41 %.
Für Pferde mit erhöhtem Bedarf an Aminosäuren kann dieser Effekt besonders relevant sein. Dazu gehören beispielsweise:
- Jungpferde im Wachstum
- Sportpferde im Training
- laktierende Stuten
- Pferde in der Rehabilitation
- Seniorenpferde
Welche Bedeutung Aminosäuren für den Muskelstoffwechsel haben, erklären wir ausführlich in unserem Beitrag „Wie funktioniert Muskelaufbau beim Pferd?“.
Exkurs: Die Maillard-Reaktion im Futter
Die Veränderungen von Aminosäuren beim Bedampfen hängen eng mit der sogenannten Maillard-Reaktion zusammen.
Dabei reagieren Aminosäuren mit reduzierenden Zuckern. Diese Reaktion wird durch Hitze stark beschleunigt und führt zur Bildung verschiedener Maillard-Reaktionsprodukte.
Ein Teil dieser Reaktionsprodukte bindet Aminosäuren chemisch so, dass sie im Verdauungstrakt nicht mehr vollständig verfügbar sind.
Wie bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt, ist die Aminosäure Lysin besonders betroffen, da ihre freie Aminogruppe besonders reaktiv gegenüber reduzierenden Zuckern ist.
Dadurch kann die biologisch verfügbare Menge an Lysin im Futter deutlich sinken.
Solche Veränderungen lassen sich über spezifische Marker nachweisen, darunter Furosin und Carboxymethyllysin. Untersuchungen zum Bedampfen von Heu zeigen einen deutlichen Anstieg dieser Marker, was auf hitzebedingte Veränderungen der Proteinstruktur hinweist.

Was das für die praktische Pferdefütterung bedeutet
Die beschriebenen Veränderungen bedeuten nicht, dass bedampftes Heu grundsätzlich problematisch ist. Besonders bei Pferden mit Atemwegserkrankungen kann es eine wichtige Maßnahme sein, um die Belastung durch Staub und mikrobiologische Partikel zu reduzieren.
Gleichzeitig sollte berücksichtigt werden, dass sich durch das Bedampfen die Verfügbarkeit einzelner Aminosäuren verringern kann. Der Rohproteingehalt des Futters bleibt zwar weitgehend unverändert, die tatsächlich nutzbare Menge an Aminosäuren kann jedoch deutlich sinken.
Bei Pferden, die dauerhaft größere Mengen bedampften Heus erhalten, sollte die Protein- und Aminosäurenversorgung deshalb im Rahmen der gesamten Ration beurteilt werden. Zeigt die Rationsberechnung eine Versorgungslücke, kann eine gezielte Ergänzung essenzieller Aminosäuren sinnvoller sein, als lediglich die Gesamtmenge an Rohprotein zu erhöhen.
Wer gezielt Lysin, Threonin und Methionin ergänzen möchte, findet diese drei Aminosäuren in unserem Amino Horse Basismix. Unser Vitalmix kombiniert sie mit sechs weiteren Aminosäuren und ermöglicht damit eine breiter aufgestellte Ergänzung. Welche Variante sinnvoll ist, hängt von der Gesamtration und dem individuellen Bedarf des Pferdes ab.
Fazit: Heubedampfen und Aminosäuren beim Pferd
Heubedampfen kann die hygienische Qualität von Raufutter deutlich verbessern und wird deshalb häufig bei Pferden mit Atemwegserkrankungen eingesetzt.
Gleichzeitig zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass Hitzeeinwirkung die Verfügbarkeit einzelner Aminosäuren verringern kann. Besonders betroffen ist dabei Lysin.
Für die Praxis bedeutet das: Bedampftes Heu bleibt eine sinnvolle Maßnahme, vor allem bei Pferden mit empfindlichen Atemwegen. Gleichzeitig sollte im Rahmen einer ausgewogenen Rationsgestaltung berücksichtigt werden, dass durch hitzebedingte Reaktionen die präzäkal verfügbare Menge einzelner Aminosäuren sinken kann.
Quellen:
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